Feb 132012
 

Wie geht eigentlich Windsurfen?
Wer jetzt glaubt, hier die Antwort auf die Frage zu bekommen, dem kann ich nur eins sagen: 42! 😉
Es soll hier viel mehr darum gehen, meine Geschichte vom Windsurfen zu erzählen und vielleicht dem ein oder anderen Anfänger,Umsteiger oder einfach nur Neugierigen Mut zu machen.

Auf Wikipedia findet man folgende erschreckende Erkenntnis:

[…]dass in den achtziger Jahren praktisch alle Neueinsteiger „on Board“ blieben, während heute 95 Prozent der Anfänger nach dem Erwerb des „Windsurfing Grundscheines“ diesen Sport wieder aufgeben. Das passiert in keinem anderen Sport.

Es gibt viele Fasetten des Windsurfens. Grob unterteilen lässt sich die Sache in Flachwasserheizen (Freeride, Slalom, Race…), Windsurfen in der Welle (Waveriding) und albernes Rumgespacke (Freestyle).
Die meisten Leute betreiben wohl die erste Variante und zu denen zähle ich mich auch. Meine Ausflüge in die Welle waren mir durch die Bank weg zu anstrengend, denn ich bin Hobbysurfer und sehe das Windsurfen ausschließlich als großen Spaß, statt dort einen Sport betreiben zu wollen. In der Welle war für mich meistens nach 30 min Schluss, weil ich einfach nicht fit genug bin oder ich bin garnicht erst durch den Waschgang durchgekommen und hab direkt aufgegeben. Für’s Freestylen hab ich auf der anderen Seite zu wenig Zeit und bin wohl auch einfach immer noch zu schlecht… also:

Anfänger sollten Freeride fahren!

So ging’s los

Als ich im Sommerurlaub 2004 auf Korfu am ansässigen Surfcenter in Acharavi nach gut einem Jahrzehnt mal wieder für zwei Stündchen ein Brett mietete, war ich reaktiviert.
Wieder zu hause angekommen, stellte ich mit Freude fest, dass meine Kumpels auch allesamt „Ex-Surfer“ waren und so reaktivierte ich diese gleich mit.
Da wir in Hamburg wohnten, war Fehmarn von da an unsere Home-Base. Je nach Windrichtung wurde der Wulfener Hals bemüht oder Gold. Letzteren Spot fahre ich auch heute noch mindestens ein mal im Jahr an. Wulfen ist Gülle, im wahrsten Sinne des Wortes…
Als Brett stand mir Gunnars F2 Starlit mit gefühlten 70l Volumen zur Verfügung. Ein viel zu kleines, instabiles Wavebrett, was ich von da an nur noch „Zicke“ nannte.

Lieber etwas mehr Volumen als zu wenig!

Nach dem Umstieg oder Aufstieg auf einen Sinker schieben viele eine Frustphase, so erging es mir auch: Während um mich herum gesurft wurde, lag ich die meiste Zeit im Wasser, versuchte mich an Beach- und Wasserstarts, fuhr hin und wieder mal ein paar Meter, konnte nach ein paar Malen eine Zeit im Trapez überleben, absolvierte ungeschmeidige Schleudersürze und trieb auf jeder Bahn immer soweit ab, dass ich spätestens nach dem zweiten hin und her erst mal eine viertel Stunde damit verbrachte schwimmend und gehend zurück zum Ausgangspunkt zu kommen… somit hatten für mich viele Surftage eher den Charakter einer Kneippkur.

Auf der anderen Seite ist aber es tatsächlich so, dass man mit jedem Tag Erfolgserlebnisse verbucht und immer besser wird. Und wie heisst es so schön:

Lieber ein schlechter Tag auf dem Wasser, als ein guter im Job…

Ich entschied mich also, mir eigenes Material zu kaufen: Es sollte natürlich gebraucht sein und robust!
Ende 2004 war es gerade noch möglich, bei eBay tatsächlich halbwegs vernünftige Preise zu bekommen, ohne von irgendwelchen Vollpfosten überboten zu werden, die für gebrauchten Krempel nahezu Neupreise zahlen. Und so kaufte ich mir für ein Hifly 275px mit 102l Volumen. Unkaputtbar das Ding! Dieses Brett sollte mir bis zum Jahre 2008 ein treuer Begleiter werden.
Dazu kaufte ich dann noch ein Komplettset bestehend aus zwei Gun-Segeln (5,2 & 5,8m²), zwei North-Gabeln und ein Gun-Mast 4,65m. Und jetzt der Hammer: Der gute Mann, leider habe ich seinen Namen vergessen, hat das Zeug nicht nur persönlich vorbeigebracht, sondern schenkte mir auch noch zwei Bretter dazu. Ein Custom-Shape mit etwa 130l und ein Tiga 257VR Waveboard, welches ich auch heute noch habe. Das Custom-Board hab ich Kai geschenkt, denn der konnte es grad gebrauchen.
Zudem kaufte ich mir noch einen Neo 4/5mm (allerdings neu!), der tatsächlich bis 2011 gehalten hat. Beerdigt wurde er auf Fuerte Ventura. Und ein Sitztrapez, gebraucht.

Lieber gleich mit Hüfttrapez anfangen!

Es folgten sehr viele Surftage auf Fehmarn und bereits in der zweiten Saison glaubte ich mich in der Lage, mich und mein oldschooliges eBay-Material nach Tarifa zu befördern.
Dort waren dann mindestens zwei Dinge ganz anders:

  1. Es war immer Wind und davon viel!
  2. Es war Schluss mit Stehrevier und Kabbelwelle, stattdessen war da der Atlantik und Dünung

Wir übertrieben es reichlich an diesem unglaublich geilen Spot und schon nach ein paar Tagen klagten wir über „die dicken Arme von Tarifa“. Wir waren glücklich. Nicht dass ich auch nur eine einzige Halse gestanden hätte! Aber allein die Tatsache mit einem Affentempo Richtung Afrika zu heizen, schüttete bei mir derart viele Glückshormone und Adrenalin aus, dass ich einfach nur grinsen musste.
Abends musste ich mein Bier mit zwei Händen halten, weil ich nicht mehr in der Lage war, die Flasche mit einer Hand zum Mund zu führen…

Als ich dann wieder nach Fehmarn fuhr, kam mir das Surfen dort viel leichter vor, doch keinesfalls langweilig.
Sobald man in der Lage ist, Wasserstarts zu machen, sollte man sein „heimisches“ Anfängerevier verlassen und Flügge werden, um anderes auszuprobieren. Es ist wie im wahren Leben…

Material

Als Anfänger kann man folgendes nur bedingt verstehen:

Windsurfen ist eine Materialschlacht.

Ich bin auch noch längere Zeit davon ausgegangen, dass es doch reichen müsste, ein Brett und ein Rigg zu besitzen. Das stimmt zwar theoretisch, aber dann müsste in der Theorie immer die zum Material passende Windbedingung herrschen. Also: Nö!
Mitlerweile habe ich eine Segelpalette von 3,6m² bis 7,3m² im Abstand von etwa 0,5m². Dazu drei Masten mit 4m, 4.30m und 4.60m sowie zwei Gabelbäume. Damit kann ich den Windbereich ab etwa 4 Bft bis 8Bft abdecken. Hier eine Übersicht zur Deutung der Windstärke bei windfinder.com: Einheiten & Umrechnung für Windstärken & Windrichtungen

In den kommenden Jahren wurde Material geschrottet, Material ausgemustert und nach und nach ersetzt, erweitert, erneuert usw. Alles immer gebraucht. Ebay war schon längst sowas von out und ich bin bis heute begeisterter Foren-Käufer und kaufe mein Surf-Equipment nur noch bei dailydose.de oder oase.com.

Reisen

Wir waren noch mal in Tarifa, fuhren nach Dänemark (nach Rømø und an den Ringkøbing Fjord) und surften auf Rügen: dem wohl längsten Stehrevier Deutschlands. Mitlerweile hatte ich mein Hifly eingemottet und ich kaufte ein Naish Enduro. Dieses war vom Shape recht ähnlich, jedoch viel leichter, schneller und auch etwas wendiger. Ein geiles Brett.

Als es dann 2010 nach Fuerteventura ging, ließ ich zum ersten mal mein eigenes Zeug zu hause und sparte mir den Tranportstress. Am Sotavento hatte ich dann einen dieser magischen Momente auf einem Starboard Kode Technora. Es war quasi meditativ: Perfekte Gleitfahrt bei perfekten Bedingungen mit dem perfekten Material. Ein 4,9m² und absolut spiegelglattes Wasser. Möglich ist dies, weil sich dort unter gewissen Bedingungen eine Thermik aufbaut, die dann von der Insel her offshore pustet.

Fuerteventura hat sich bei mir mitlerweile ebenso etabliert wie Fehmarn. Ich war letztes Jahr Ende Februar dort mit Wolfgang und fahre dieses Jahr zusammen mit Arne wieder dort hin. Ein prima Spot, um den Winter für eine Woche pausieren zu lassen…

2011 folgten dann noch Norderney noch ein sehr schöner Spätsommertrip nach Kos.

Windsurfen ist reiseinternsiv!

Epilog
Selbst nachdem ich mein eigenes Material hatte, war ich immer wieder kurz davor, aufzugeben. Denn was ich hier bisher noch gar nicht beschrieb: Wassersport kann ungalublich frustrierend sein! Denn es ist von so vielen externen Einflüssen abhängig und selbst wenn man das richtige Material dabei hat, so hat man wahrscheinlich doch wieder das zu kleine Segel aufgebaut… 😉 So geht die Materialschlacht weiter und weiter.
Außerdem gibt es Tage, da klappt es einfach nicht. Aber an anderen Tagen wird man dann mit den von mir so genannten „magsichen Momenten“ und meditativen Phasen belohnt. Und ich wünsche jedem Menschen solch ein Erlebnis in seinem Kopf zu haben!

Also halte durch und häng luus!

 Antworten

(required)

Bear